Risiko Atomkraft: Kein Hollywood-Horrorfilm, sondern eine reale Gefahr

Ich-Protokoll

Hanna Poddig ist Vollzeitaktivistin und Autorin. Sie besetzt Schienen oder Bäume, entwickelt Ideen und schreibt Bücher. Sie engagiert sich gegen Atomkraft, für besseren Klimaschutz und gegen Verschwörungstheorien in der Coronapandemie. Sie beobachtet auch die Suche nach einem Endlager – am Prozess beteiligt sie sich jedoch (noch) nicht. Was motiviert sie? Ein Ich-Protokoll, aufgezeichnet von Mareike Andert. 

2013 war Hanna Poddig bei einer Blockade der Brennelementefabrik in Lingen im Rahmen eines Anti-Atom-Camps dabei

Für meinen Aktivismus gab es keinen Schlüsselmoment. Ich hatte Eltern, für die es selbstverständlich war, gegen Atomkraft zu sein. Als die Katastrophe in Tschernobyl passierte, war ich ein Säugling – ich bin im November 1985 geboren. Meine Mutter ist auch bei gutem Wetter nur mit Sonnenschirm mit mir raus.

Dann bin ich in der Nähe des AKWs Stade bei Hamburg aufgewachsen und in dem Bewusstsein: Das ist blöd und gefährlich! Als wir in die Nähe von Schweinfurt umzogen, kaufte meine Mutter als erstes eine Landkarte, malte einen fünf Kilometer Radius um das das dortige AKW Grafenrheinfeld. In diesem Radius wollte sie keine Wohnung. Viel gelesen habe ich die Bücher von Gudrun Pausewang, die die Thematik aufgreifen. Mit der Autorin hatte ich eine lange Brieffreundschaft. Diese Erlebnisse waren sehr prägend für mich – ich bin dann immer weiter reingewachsen in die Anti-AKW-Bewegung.  

Nach dem Umzug sind wir als Familie auf Demonstrationen gegangen. Als ich 16, 17 Jahre alt war, bin ich zur Organisation Robin Wood, um mich politisch zu engagieren. Schwerpunkt Atomkraft. Mit 17 blockierte ich das erste Mal einen Castortransport im Wendland. Danach war das ein Pflichttermin. Dafür schwänzte ich auch die Schule.

Für mich gibt es keine Alternative. Selbst wenn es hoffnungslos wäre, die Welt zu retten: Ich will es versuchen! Ich könnte es für mich nicht vertreten, es nicht zu tun. 

Die Herausforderung beim Aktivismus gegen Atomkraft ist, dass die potenziell sehr große Gefahr nicht gleich sichtbar ist, wie etwa bei Verseuchungen durch Müllverbrennung oder wenn Wald und Eidechsen Autobahnen weichen müssen. Beim Thema Atomkraft ist es ein schmaler Grat: Aufzuzeigen, was passieren könnte, welche Gefahren bestehen, ohne eine Panikmache, die niemandem hilft. Manche Leute finden Untergangsfanatismus anziehend. Aber wir sollten uns nicht auf verschrobene Art darauf freuen:

Das Risiko der Atomkraft ist kein Horror-Hollywood-Film, sondern eine reale Gefahr 

Die kontinuierliche politische Arbeit kann zermürbend sein: Die immer gleichen Debatten an Info-Ständen führen, Sinnzweifel, die Sicht anderer, Protest würde nichts bringen... In Erinnerung bleiben mir besonders die Momente, in denen wir als schlagkräftige Bewegung auftreten. Der Moment, wo aus Protest spürbar gesellschaftlicher Widerstand wird. Das lässt sich unglaublich schwer beschreiben. Zu spüren, dass ich Teil etwas Großem bin, dass ich was bewegen kann. Dieses „Gorleben-Gefühl“ hat mich als Jugendliche geprägt. Es ist dieses Gesamtgefühl von Massenprotesten.

2016 blockierte Hanna Poddig die Hauptzufahrt der Urananreicherungsanalge Gronau.
2016 blockierte Hanna Poddig die Hauptzufahrt der Urananreicherungsanalge Gronau.

Leute schreiben mir verschiedene Begriffe zu: Berufsrevolutionärin, Widerstandnomadin oder Vollzeitaktivistin. Letzteres passt vielleicht am besten, da ich keinen „normalen Job“ habe und nebenher aktiv bin. Als Vollzeitaktivistin habe ich zwei Standbeine. Einerseits Aktionen: Bäume oder Schienen besetzen und blockieren, protestieren und demonstrieren. Andererseits das Schreiben. Ich verfasse Bücher und arbeite in einem Übersetzungskollektiv. So finanziere ich mich auch. Diese Theoriearbeit ist sehr wichtig: Wir diskutieren, warum wir das machen, wie wir aktiv sind und wie wir Aktionsformen verbessern können. Die Bewegung muss sich immer wieder neu erfinden, um zu bestehen.

Ich engagiere mich vor allem im Umweltbereich und gegen Atomkraft. Immer wieder kommen andere Themen dazu. Etwa rechte Tendenzen in Umweltbewegungen oder die Corona-Verleugnung. Das wurde einfach plötzlich präsent. Genau planen kann ich mein Leben nicht. Im Oktober 2020 besetzten wir in Flensburg Bäume, die für ein Parkhaus gefällt werden sollten. Ich dachte, wir werden nach drei Tagen geräumt. Die Aktion lief dann aber bis Februar 2021. Hier stand der Klimaaspekt im Fokus auf lokaler Ebene und eingebettet in die Debatte um motorisierten Individualverkehr.

Das Engagement gegen Atomkraft und für Klimaschutz ist verknüpft. Atomkraft ist gefährlich und auch nicht klimafreundlich. Zum Glück gibt es genug Anti-AKW-Aktivist:innen in der Klimabewegung, die aufklären können. Der Uranabbau verschlingt genauso Landschaften wie der Kohleabbau. 

Es ist wichtig, dieses Wissen präsent zu halten. Wir dürfen nicht auf die Propaganda reinfallen, die Atomkraft als sauber verkaufen will.

Hier sehe ich auch meine Rolle: Wissen über Atomkraft weiterzugeben und zu teilen. Im aktuell laufenden Endlagersuchprozess bin ich nicht beteiligt. Meine Aktionsform ist die Blockade, damit kann ich dort momentan keine Akzente setzen.

Es ist auch eine Frage der Kapazität und Kompetenz. Die AKW-Bewegung ist kleiner geworden, aber es sind nicht weniger Aufgaben. So müssen wir uns als Anti-AKW-Bewegung die Aufgaben pragmatisch aufteilen. Ich sehe meinen Platz bei den Atom-Transporten. Ich enttarne sie, rekonstruiere, wo sie lang fahren, und halte mit dem Fernglas am Hamburger Hafen Ausschau nach Schiffen, die Uran transportieren.

Ob der Prozess der Endlagersuche in guten Händen ist? Ja und nein. Grundsätzlich finde ich den Ansatz gut. Viele Vereine engagieren sich. Sie haben Mitgliederbanken und können Leute mobilisieren und informieren. Das habe ich nicht. Das ist nicht meine Stärke. Viele kompetente Menschen engagieren sich im Endlagersuchprozess, aber es sind zu wenige. Ich kann mir nicht einbilden, mich darauf ausruhen zu können, dass die das schon machen werden. Mehr Leute wären wichtig, um den Prozess kritisch zu begleiten. Mein Tag hat aber nur 24 Stunden.

Über Jahre zur Endlagersuche zu arbeiten, hat vielleicht nicht so einen Coolnessfaktor. Man muss sich tief ins Thema einarbeiten. Wir als Bewegung müssen es schaffen dranzubleiben, inhaltliche Arbeit zu leisten – die ist unglaublich wichtig - und Leute zu gewinnen. Etwa, dass Leute die Bäume besetzen, sich auch mit der Theorie beschäftigen. Aktionen basieren ja auf solchen Überlegungen. Die Politik reagiert mit diesem Suchverfahren, das partizipativ und transparent sein soll, auf gesellschaftlichen Druck.

Der Druck darf nicht sinken. Sonst landet der Müll doch noch im erstbesten Loch. Mir fehlt Transparenz. 

Die Erfahrung aus Gorleben zeigt: Wir müssen beharrlich bleiben. Es braucht den gesellschaftlichen Druck. Das politische und finanzielle Interesse findet sonst einen simpleren und damit gefährlicheren Umgang mit dem Müll. Es gibt dieses Bild von einem Storch, der einen Frosch halb verschlungen hat und dann drückt der Frosch dem Storch den Hals zu. Dass Gorleben nun vom Tisch ist, hätte ich nie geglaubt. Der Frosch war stark genug. Wir dürfen niemals aufgeben.

Ich bin keine Person, die zu den Fachkonferenzen und Veranstaltungen zur Endlagersuche geht. Für mich muss es greifbarer werden. Wenn nur noch fünf oder zehn Orte zur Auswahl stehen, dann verliert es für mich das Abstrakte. Den momentanen Prozess gestalten, das können andere besser als ich. Ich beobachte, wieviel aus dem wohlklingenden Versprechen wird.

Im Prozess der Endlagersuche wird es keine gute Lösung geben, nur die am wenigsten beschissene Lösung. Endlager ist deshalb ein blöder Begriff, er suggeriert, dass das Problem wirklich gelöst werden könnte. 

Je kleiner das Thema Atomkraft und Endlagersuche in öffentlichen Debatten ist, desto leichter setzten sich wirtschaftliche Interessen durch. Wir können uns nicht ausruhen, wir müssen aktiv und kritisch bleiben. Die Themen Atomtransporte und Endlagerung liegen aber natürlich eng beieinander. Solange unklar ist, wo der Müll langfristig gelagert werden soll, ist es Wahnsinn, den Abfall quer durch Deutschland und durch Städte zu transportieren. Was soll das denn? Den kann man transportieren, wenn eine Lösung gefunden wird. Natürlich ist es auch nicht befriedigend zu sagen, aller Müll bleibt, wo er ist. Wenn der Müll dezentral gelagert wird, hat er aber mehr Aufmerksamkeit. Wird der Müll zentriert gelagert, dann kann er viel schneller ins nächstbeste Loch verfrachtet werden. Jeder Transport ist ein Risiko und kein Gewinn, solange es keine Lösung gibt.

Wann ich zufrieden mit der Entscheidung für einen bestimmten Ort als Endlager bin? Ich habe keinen Katalog nach dem Motto: “Wenn dies alles gegeben ist, bin ich dagegen oder dafür", sondern es ist komplex, weil wir über etwas reden, was niemals hätte produziert werden dürfen und sich daher im Grund nur ein Dilemma an das nächste reiht.  

Je nach Art der Lagerung bestehen unterschiedliche Kommunikationsherausforderungen an die Zukunft. Die Entscheidung für einen Lagerort muss daher auch mit einer Entscheidung für ein Kommunikationskonzept einhergehen, denn noch niemals in der Geschichte der Menschheit hat Wissen derart lange überdauert - ungeachtet der Frage ob zur Gefährlichkeit von Dingen oder beispielsweise architektonisches/ technisches Wissen.

Je tiefer und „unsichtbarer“ ein Lager geplant wird, desto schwieriger wird es auch, das Wissen darüber über Generationen weiterzugeben und desto mehr erschweren wir es auch zukünftigen Generationen, gegebenenfalls schlauere Optionen umzusetzen. Wie schnell es geht, dass „probeweise“ gelagerter Müll nicht mehr zu bergen ist, belegt die Schachtanlage Asse eindrücklich. Mir erscheint daher grundsätzlich die Lagerung in tiefen geologischen Formationen sehr fragwürdig.

Wenn es eine Entscheidung für einen Ort als Endlager gibt, den ich nicht geeignet finde, dann ist das anschlussfähig an meine Aktionsformen und ich werde blockieren.

Hanna Poddig bei einer Blockade der Brennelementefabrik in Lingen im Rahmen eines Anti-Atom-Camps
Hanna Poddig bei einer Blockade der Brennelementefabrik in Lingen,  Anti-Atom-Camp 2013.

Bild entfernt.