Die Endlagerstandortsuche sollte generationengerecht sein

Kommentar

Die Nuklearkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl jährt sich 2026 zum 40. Mal. Der Gau im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi liegt 15 Jahre zurück und in Deutschland ist mit dem erfolgten Atomausstieg der Atommüll noch lange nicht Geschichte. Wie gewinnen wir junge Generationen für die Suche?

Foto Lukas Fachtan

Ein generationengerechtes Verfahren hat die Bedürfnisse junger Menschen und das Wohl kommender Geborener im Blick

Der Suchprozess für ein möglichst sicheres Atommüllendlager wird voraussichtlich bis in die 2040er, 2050er Jahre oder noch länger dauern. Schließlich soll das Ziel eines wissenschaftsbasierten Verfahrens der bestmögliche Standort mit der bestmöglichen Sicherheit sein. Dabei beinhaltet eine gemeinwohlorientierte Ausrichtung, neben dem Thema Sicherheit, besonders auch die langfristige generationengerechte und generationenübergreifende Beteiligung, insbesondere junger Interessierter. Generationengerechtigkeit kann, wenn überhaupt, nur dann entstehen, wenn auch alle Generationen Wirkung auf das Verfahren entfalten können. Durch die aktuellen Beteiligungsmöglichkeiten, wie durch das Nationale Begleitgremium oder mit dem Planungsteam Forum Endlagersuche, wird schon heute ersichtlich, dass generationenübergreifende Beteiligung wichtige Erfahrungsschätze bieten kann. Angesichts der Zielsetzung, einen Endlagerstandort mit der bestmöglichen Sicherheit für einen Zeitraum für eine Million Jahre zu finden, wird kommenden Generationen eine besondere Rolle zukommen. 

Spannend ist, wie die derzeit noch nicht Geborenen zukünftig auf die heutigen Prozesse und Entscheidungen blicken werden.

Demokratie wird durch Diskurse und durch ehrenamtliches Engagement gestärkt

In Zeiten von multipolaren Krisen, Konflikten und Kriegen braucht es erlebbare demokratische Räume, wo verschiedene Perspektiven gehört und verstanden werden können. Wo Demokratie durch Diskurse immer wieder aufs Neue belebt wird und wo es um gemeinsames Mitgestalten geht. Für junge Menschen ist das wichtiger denn je. Politisches Interesse, politisches Lernen und politisches Erleben wird erst durch praktische Erfahrung begreifbar. Gegenwärtige Debatten können so leichter nachvollzogen und verstanden werden. Dadurch kann ein Gefühl für demokratische Aushandlungsprozesse entstehen und der Anstoß für ehrenamtliches Engagement im Bereich der Endlagerstandortsuche geweckt werden. Abstraktes wird konkreter.

So können zum Beispiel Zeitzeugenberichte von unschätzbarem Wert für junge Menschen sein, um komplexe wie auch abstrakte Themen wie den früheren Umgang mit Atommüll und dessen geschichtlichen Kontext leichter nachvollziehen zu können. 

Der Reaktorunfall in Fukushima hat in Deutschland einen Wendepunkt besiegelt und aus Fehlern der Vergangenheit vorausschauendes Lernen ermöglicht. Doch der Atommüll bleibt und das voraussichtlich noch für sehr viele nachfolgende Generationen.

Bei der Endlagerstandortsuche sollte eine breitere gesamtgesellschaftliche Partizipation als bisher erreicht werden 

Umso wichtiger sind in diesem Kontext demokratische Aushandlungsprozesse. Sie sind das Produkt vergangener Verhandlungen und ein Ergebnis zahlreicher Auseinandersetzungen. Positionierungen können als ein Resultat eines bestimmten Werteverständnisses, themenbezogener Fragmentierungen und konkreter Perspektiven begriffen werden, die kontextuell entstanden sind. Wenn junge Menschen in diese Debattenräume argumentativ eintreten, können sie Positionierungen neu gestalten und Prozesse mit verbessern. Das kann Interesse wecken, tiefer in das Thema einsteigen zu wollen. Hierdurch wird ein Gefühl der Identifikation mit einem vielschichtigen Prozess angestoßen, der zu Mitgestaltung motivieren kann. Gestaltungsräume der Gedankenfindung, Ideenentwicklung und des ungezwungenen Ausprobierens könnten so auch in geschützten Räumen innerhalb einer Altersgruppe geübt werden, um so eigene Positionierungen im generationenübergreifenden Diskurs austauschen zu können. Diese gesellschaftlichen Räume führen dazu, dass jüngere Generationen Verantwortung übernehmen wollen, weil sie erfahren, dass ihr Handeln einen Einfluss auf Prozesse nimmt. Niedrigschwellige Zugänge, um überhaupt fachlich in die Debattenräume eintreten zu wollen, sind hierfür Voraussetzung. 

Es ist empfehlenswert noch mehr als bisher und speziell auf aktuelle Atommüllthemen zugeschnittene Einstiegsveranstaltungen anzubieten, um auch Neuen die Möglichkeit zu eröffnen, in ein multidimensionales, in mehrere Phasen gegliedertes Auswahlverfahren fachlich fundiert einzusteigen. 

Gerade für Menschen, die zum ersten Mal vom Endlagerauswahlprozess hören und versuchen, dessen Mechanismen zu verstehen, kann dies Hemmschwellen minimieren, um sich auch aktiv einzubringen. Ein Merkmal, das Jung und Alt gleichermaßen betrifft. Auch das erscheint wichtiger denn je, da sich Menschen, die schon viele Jahre das Verfahren begleiten, immer mehr zu Expert*innen entwickeln, und die Wissens- und Erfahrungsstände gegenüber Neueinsteigenden zunehmend größer werden. Ein gemeinwohlorientiertes Auswahlverfahren sollte immer auch ermöglichen, die Bandbreite an unterschiedlichen Wissensständen aus der Bevölkerung zu jeder Zeit in das Standortauswahlverfahren integrieren zu können, damit alle Menschen die Chance haben, sich am Beteiligungsprozess zu engagieren. Dies sollte ganz besonders bei den Regionalkonferenzen gefördert werden. Realisieren können diese Anregungen das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), die Bundesgesellschaft für Endlagerung mbH (BGE) und in Teilen das Nationale Begleitgremium (NBG). Aber auch das Engagement aller Bürgerinnen und Bürger ist eine wichtige Voraussetzung für eine stärkere generationenübergreifende Gestaltung der Suche.

Mit dem Standortauswahlverfahren wird in bisher noch nie dagewesenen Dimensionen versucht, gesellschaftliche Beteiligung wo immer möglich Gestalt annehmen zu lassen. Wer genau im Prozess aktiv ist, wer welche Aufgaben und welche Verantwortung hat, regelt das Standortauswahlgesetz.

Beteiligung kann als der gesellschaftliche Kitt zwischen verschiedenen Akteursgruppen dienen. 

Empathie, Begeisterung für Meinungsvielfalt sowie thematisches Interesse des Individuums sind dabei genauso gefragt wie das kollektive Verständnis aller Akteur*innen im Verfahren. Das kann einen solchen Prozess im Allgemeinen stärken und besonders das Vertrauen in das Handeln der Akteur*innen fördern. 


Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit trägt die Verantwortung für die Suche nach einem geeigneten Standort. 

Zentrale staatliche Akteur*innen sind:

Das Nationale Begleitgremium (NBG) als gesellschaftliches Gremium bindet offiziell vielfältige Perspektiven ein. Hier ist neben zufällig bestimmten Bürger*innen auch die junge Generation eingebunden.

Rat der jungen Generation: Im Rahmen des offiziellen Prozesses hat sich diese Gruppe gebildet, die gezielt die Perspektive junger Generationen organisieren will.

Auf der Seite der BGE sind die Aufgaben dieser Akteur*innen sowie zentrale Beteiligungsformen beschrieben: https://www.bge.de/de/endlagersuche/akteure-und-aufgaben/

Auch der Podcast der Bundeszentrale für politische Bildung zur Endlagersuche eröffnet einen Einblick, wer alles in Sachen Endlagersuche aktiv ist: https://www.bpb.de/mediathek/podcasts/endlagersuche/316133/folge-5-die-akteure-der-neuen-endlagersuche/

Ohne zivilgesellschaftliche Akteur*innen sähe die Endlagersuche heute anders aus. Exemplarisch seien hier genannt:

Die Stiftung Leben & Umwelt / Heinrich-Böll-Stiftung Niedersachsen begleitet den Endlagersuchprozess mit verschiedenen Bildungsformaten: Im Online-Dossier "Aktivismus und Beteiligung bei der Endlagersuche" erzählen Menschen aus unterschiedlichen Generationen, wie und warum sie sich bei der Endlagersuche engagieren.