Wer trägt welche Verantwortung für den Klimawandel? Welche Rolle spielt das Verhalten jedes einzelnen Menschen im Vergleich zur Politik? Und wie lässt sich darüber besser streiten? Das ergründen fünf Philosophinnen und Philosophen im Sachbuch „Besser um die Zukunft streiten“ (Hanser Verlag, 2026). Zwei von ihnen - Kirsten Meyer und Dominic Roser - haben ihr Buch im Literarischen Zentrum e.V. in Göttingen vorgestellt.
Um es gleich zu sagen: Das Thema ist komplex. Und das spiegelt sich auch im Buch, das in 20 kurze Kapitel aufgeteilt ist. Ihre Überschriften sind zugleich Thesen zum Thema. Sie reichen von „Hört einfach auf die Wissenschaft“ im ersten Abschnitt über die Rolle der Wissenschaft und Philosophie bis zu „Klimakleber brechen das Gesetz. Das ist undemokratisch und gehört bestraft“ im letzten Abschnitt mit der Überschrift „Klima und Politik“.
Wie groß ist das Problem eigentlich?
Dominic Roser ist Philosoph und Ökonom. Er arbeitet an der Universität Fribourg in der Schweiz und forscht zur Klimagerechtigkeit. Promoviert hat er über die Ethik des Klimawandels. Er liest das Kapitel „Wir leben doch in der besten aller Zeiten“ und konstatiert, dass es mit der Menschheit „in den letzten Jahrzehnten in vielerlei Hinsicht aufwärts“ ging. Doch hilft uns der Vergleich, wenn wir an die Zukunft denken?
Überhaupt ist es irreführend, aus dem Vergleich mit der Vergangenheit ableiten zu wollen, dass kein Handlungsbedarf mit Blick auf die Zukunft besteht. Denn auch wenn es der Menschheit besser als früher geht, könnte es ihr zukünftig noch viel besser gehen.1
Doch Tatsache sei auch, dass dieser Fortschritt auf einer fossilen Entwicklung basiert. Hier brauche es technologische Innovationen, um die Emissionen zu reduzieren. Anpassung für den richtigen Weg statt einen kompletten „System Change“ vorzunehmen. Der hätte zudem den Nachteil, dass die Verantwortung stark auf das System gelegt würde und Menschen aus der Verantwortung entließe, ihren Teil beizutragen und selbst zu handeln.
Ethik, Moral und die Kosten der Freiheit
Die Ethik sei in den Hintergrund getreten, denn in der aktuellen Debatte um den Klimaschutz stünden die Eigeninteressen der nationalen Staaten im Vordergrund, haben die beiden Autor*innen beobachtet. Zumal philosophische Begriffe, mit denen sich ein besseres Streiten um die Zukunft gestalten ließe, erst einmal sperrig wirken: Ethik, die Wissenschaft vom menschlichen Handeln, und Moral, die Lehre von den ungeschriebenen Gesetzen, die unsere Gesellschaft prägen. Aber schon bei Freiheit und Gerechtigkeit wird es schnell konkret und auch unangenehm.
Im Kontext der Klimadebatte lässt sich etwa fragen, ob sich die Freiheit der einen, regelmäßig in die Ferne zu fliegen (..) mit der Freiheit der anderen verträgt, ihre Heimat nicht verlassen zu müssen, weil sie infolge der Erderwärmung und der steigenden Meeresspiegel unbewohnbar wird.2
„Klimaschutz ja, aber bitte nicht auf Kosten der Freiheit“ ist das Kapitel überschrieben, das Kirsten Meyer liest. Sie forscht an der Humboldt-Universität zu Berlin zu Ethik, politischer Philosophie und Didaktik der Philosophie und konstatiert, dass Verbote Gerechtigkeit schaffen. Etwa das Verbot, Gasheizungen einzubauen. Es sei zwar die Beschneidung der Freiheit von Hausbesitzerinnen und -besitzern, ihre Heizform frei zu wählen. Doch alternative Heizmethoden trügen dazu bei, dass alle weniger geschädigt würden.
(Vermeintliche) Lösungen
Bevölkerungswachstum, Marktregulierung, Innovationskraft und Kompensation von Emissionen, darum geht es im Abschnitt „(Vermeintliche) Lösungen“. Und es wird schnell klar: Ein einziges Allheilmittel gibt es nicht. Sich hinter der Annahme zu verstecken, im Alleingang könne aber auch jeder Einzelne sowieso nichts ausrichten, geht aber auch nicht mehr. Das zeigen die Autorinnen und Autoren im Buch mit einem Beispiel auf nationaler Ebene.
Deutschland habe in den Nullerjahren die Solarenergie stark gefördert. Die Technologie sei dadurch günstiger und besser geworden, was ihr zum globalen Durchbruch verholfen habe. Zwar sei der direkte Effekt auf die Verringerung von Emissionen in Deutschland dadurch eher gering gewesen. Doch wie mag dieses nationale Engagement für den deutschen Markt sich am Ende für die ganze Welt ausgewirkt haben?
Haben Klimakleber die Lösung?
Was also kann der oder die einzelne tun, ganz konkret? Das Buch endet mit den Klimaklebern und der These, sie handelten undemokratisch und gehörten bestraft. Hier kommt wieder der philosophische Begriff der Moral ins Spiel.
Dass es moralisch durchaus legitim (oder gar geboten) sein kann, sich nicht an geltende Gesetze zu halten, bedeutet natürlich nicht, dass jegliche Protestformen moralisch erlaubt sind. Die verwendeten Protestmittel müssen dem Unrecht und dem erwartbaren Nutzen des Protests angemessen bleiben.3
Und was angemessen ist, darum wird ebenso heftig gestritten. Für einen besseren Streit helfe es, „empirisch und normativ“ zu begründen, worin ein Unrecht besteht, konstatieren die Autorinnen und Autoren des Buches. Am Ende nennen sie ein Beispiel, wie es eben nicht geht: den Sturm auf das US-Kapitol im Januar 2021. Das Narrativ der gestohlenen Wahl durch Joe Biden konnten sie damals nicht nachweisen.
Komplexität lässt sich runterbrechen
Das Buch und der Abend in Göttingen zeigen: Besser über die Klimakrise zu streiten, benötigt den Blick auf viele Aspekte, die sich wie ein Mosaik zu einem Ganzen zusammensetzen. Sie mit den Konzepten der Philosophie zu benennen, legt Herleitungen offen, die hinter Entscheidungen und Maßnahmen in Sachen Klimawandel stehen. Das macht große Lust, sich beim nächsten Disput einmal anders mit seinem Gegenüber auseinanderzusetzen.
Zur Leseprobe: Barbara Bleisch, Kirsten Meyer, Stefan Riedener, Dominic Roser, Christian Seidel (2026). Besser um die Zukunft streiten. Hanser Verlag. https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/besser-um-die-zukunft-streiten-9783446285637-t-5875
Die Lesung fand statt im Rahmen von Climate Care - eine gemeinsame Veranstaltungsreihe der Stiftung Leben & Umwelt / Heinrich-Böll-Stiftung Niedersachsen in Kooperation mit dem Literarischen Zentrum Göttingen e.V.
Fußnoten
- 1
Barbara Bleisch, Kirsten Meyer, Stefan Riedener, Dominic Roser, Christian Seidel (2026). Besser um die Zukunft streiten. Hanser Verlag. S.33
- 2
ebd. S.97.
- 3
ebd. S.118.