Vor und nach Tschernobyl

Zum 40. Jahrestag des Super-GAU kamen im ZeitZentrum Zivilcourage in Hannover ein Liquidator aus Belarus, eine Pionierin der Anti-Atomkraft-Bewegung, ein Historiker und eine Klimapolitikerin zusammen: Was haben wir aus Tschernobyl gelernt - und was nicht?

Podium mit Speaker*innen

Auf der Leinwand erscheinen Fotos aus dem April 1986: der aufgerissene Reaktorblock, Männer in weißen Overalls vor Kränen und Betonmischern, auf den Gesichtern provisorische Masken. Das war der Schutz, mit dem Moskau die sogenannten Liquidatoren in die Sperrzone schickte – mindestens 600.000 Soldaten, Ingenieure und Arbeiter aus der gesamten Sowjetunion, die den havarierten Reaktor sichern und das Gelände dekontaminieren sollten.

Uladzimir Siadniou, Jahrgang 1957, Diplomingenieur für Wärmetechnik aus Belarus, war 29 Jahre alt, als ihn das sowjetische Energieministerium nach Tschernobyl abkommandierte. Drei Monate – September bis November 1986 – kümmerte sich der erfahrene Schichtleiter um Wärmeversorgung und unterirdische Rohrleitungen auf dem havarierten Kraftwerksgelände. Auch das gehörte dazu: Anlagen abwaschen, um radioaktiven Staub zu binden. Seine Tochter war sieben, sein Sohn noch keine zwölf Monate alt.

Uladzimir Siadniou, mit Sprachemittler und Moderatorin

Siadniou spricht nicht über Strahlendosen, nicht über gesundheitliche Folgen. Aber er sagt: 

Es ist immer leicht, die Schuld auf das Personal zu schieben. Sowjetische Technik kann nicht versagen.

Die Obrigkeit hatte die Verantwortung für die Kernschmelze nach unten durchgereicht. „Niemand hatte damals für möglich gehalten, dass ein solches Unglück eintreten könnte."

Was erinnert wird – und wer das bestimmt

Tschernobyl 1986, Fukushima 2011 – beide Male kollabierte ein Reaktor unter Bedingungen, die vorher als beherrschbar galten. Für Jens Binner, Historiker und Direktor des ZeitZentrums Zivilcourage, hat Fukushima den kritischen Blick auf Atomkraft noch einmal „aufgefrischt“: Katastrophen, die zuvor wie Dystopien wirkten, konnten tatsächlich eintreten.

Jens Binner und Moderatorin

Wie daran erinnert wird, ist für Binner keine Nebensache. Erinnerung dürfe kein staatlich verordnetes Ritual sein, sondern müsse offen ausgehandelt werden – multiperspektivisch, ohne Vorfestlegung. Nur so bleibe sie attraktiv und wirksam. 

Was erinnert wird, wie und von wem, ist immer auch politisch.

In Russland zeigt sich für Binner, was geschieht, wenn solche Aushandlung nicht mehr möglich ist. Freie Medien fehlen, zivilgesellschaftliche Institutionen wie Memorial sind zerschlagen. „Solche offenen, reflektierten Aushandlungsprozesse – dieses Nachdenken über historische Ereignisse und was wir daraus heute lernen können – können nicht mehr stattfinden.“

Tschernobyl berührt mehr als eine Reaktorkatastrophe – die Spätphase der Sowjetunion, die westdeutsche Anti-Atom-Bewegung, das Undenkbare, das Wirklichkeit wurde. Und eine Parallele, die Binner benennt: Auch im russischen Krieg gegen die Ukraine zähle das einzelne Leben nichts.

Lernprozesse, die lange dauern

Rebecca Harms, Mitgründerin der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg und Europaabgeordnete der Grünen bis 2019, kennt Tschernobyl aus politischer Arbeit – und aus eigener Anschauung.

1986 koordinierte sie als Mitarbeiterin der Grünen-Europaabgeordneten Undine von Blottnitz einen Bericht über radioaktive Bodenkontamination in der Europäischen Gemeinschaft. Die radioaktiven Wolken umrundeten mehrfach die Erde. Ihr Niederschlag kontaminierte Weiden und Ernten: Rentiere in Skandinavien, Pilze in Bayern, Tee in der Türkei. In manchen Regionen gelten Vermarktungsverbote bis heute – weil Cäsium in Waldböden und Weiden kaum abgebaut wird.

1988 reiste Harms erstmals in die Sperrzone, kehrte seitdem immer wieder in die Ukraine zurück. Gesellschaftliche Lernprozesse, sagt sie, dauern – und verlaufen nicht geradlinig. Auch die deutschen Behörden hätten nach dem Super-GAU zunächst ähnlich reagiert wie die sowjetischen – heruntergespielt, beschwichtigt. Erst der öffentliche Druck habe ein transparenteres Sicherheitssystem erzwungen.

Vierzig Jahre später sieht sie diese Lernbereitschaft wieder auf dem Prüfstand. Saporischschja – das größte Atomkraftwerk Europas – steht seit der russischen Vollinvasion unter russischer Kontrolle. Die verbleibenden ukrainischen Reaktoren liefen seither unter Dauerdruck. „Erst dann, wenn wir selber direkt betroffen sind, passiert vielleicht etwas."

Zuversicht findet sie trotzdem – in der Ukraine: Balkonkraftwerke, Windanlagen. Erneuerbare als Antwort auf den Krieg.

Der Staffelstab

Den Staffelstab hat Marie Kollenrott aufgenommen – klimapolitische Sprecherin der Grünen im niedersächsischen Landtag, aufgewachsen im Wendland, politisch sozialisiert in der Anti-Atomkraft-Bewegung.

Marie Kollenrott

Der viel beschworene Neueinstieg in die Kernenergie lässt beide kalt. Die Zahlen sprechen dagegen: 2025 entstanden weltweit kaum neue Reaktoren – fast ausschließlich in China. In Europa wurden die jüngsten Neubauten, Olkiluoto und Flamanville, zu ökonomischen Katastrophen. 

Stromerzeugungskosten für Erneuerbare sinken Jahr für Jahr, für Atomkraft steigen sie.

Die Lehre aus Tschernobyl sei eine politische, sagt Kollenrott: Die Energiewende müsse für alle funktionieren, nicht nur für wenige. Mit dem Wind- und Beteiligungsgesetz hätten die Grünen in Niedersachsen dafür gesorgt, dass Kommunen und Anwohner finanziell an den Erträgen von Windanlagen beteiligt werden – Akzeptanz durch Teilhabe. Dasselbe Prinzip verfolge sie gemeinsam mit Umweltminister Christian Meyer in der Klimasozialpolitik: Soziale Einrichtungen – Diakonie, AWO, Caritas – sollten erstmals von Förderprogrammen der Energiewende profitieren. Klimaschutz als gesellschaftliches Projekt, nicht als Verordnung von oben.

„Passen Sie auf sich auf"

Am Ende gehört das letzte Wort Uladzimir Siadniou. Die atomare Entsorgung sei ungeklärt, die Böden rund um Tschernobyl für immer belastet. Wie mit dem nuklearen Erbe umzugehen sei – darauf gebe es keine eindeutige Antwort. Aber dass man es hier offen diskutiere, nehme er mit. In anderen Staaten sei das nicht möglich. „Passen Sie auf sich auf."

Die Veranstaltung der Stiftung Leben & Umwelt / Heinrich-Böll-Stiftung Niedersachsen war Teil der Projektwoche „40 Jahre Tschernobyl, 15 Jahre Fukushima – es ist Zeit für ZukunftsEnergien!“, die von der Nds. Bingo-Umweltstiftung gefördert und in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein durchgeführt wurde. Kooperationspartner des Abends waren die Elektrizitätswerke Schönau, der Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen (VNB e.V.) und das ZeitZentrum Zivilcourage der Stadt Hannover.