"Alles muss man selber machen" mit Christopher Wimmer

Dokumentation

Über 30 Personen waren der Einladung des Vereins Städtepartnerschaft Oldenburg- Raqqa e. V. und der Stiftung Leben & Umwelt / Heinrich Böll Stiftung Niedersachsen zu einer Lesung mit Christopher Wimmer gefolgt. Der Referent stellte zunächst eine Zusammenfassung seines Buches "Alles muss man selber machen" vor und las Auszüge aus dem Kapitel "Räte in Fernost: China von 1925 bis 1934". An den informativen und Mut machenden Vortrag schloss sich eine noch einmal ebenso lange Diskussion an.

Veranstaltungspublikum bei der Lesung und Diskussion mit Christopher Wimmer am 10. April 2026 im städtischen Kulturzentrum PFL, Oldenburg

Gegenstand des Buches ist die Geschichte der Rätebewegungen, beginnend mit der Pariser Kommune, auch wenn es viele weit ältere Beispiele gibt. Christopher Wimmer stellte zunächst an zahlreichen historischen Beispielen (u. a. Russland 1905 und 1917, Polen nach dem zweiten Weltkrieg, Jugoslawien um 1950, Ungarn 1956, Syrien 2011, Chiapas, Rojava) wesentliche Prinzipien rätedemokratischer Gesellschaftsformen vor wie die Verankerung der Entscheidungsmacht an der Basis, verbunden mit einem imperativen Mandat für übergeordnete Strukturen, denen vor allem eine koordinierende Funktion zukomme. Christopher Wimmer betonte:

Die Rätebewegung ist ein globales Phänomen und keineswegs nur auf die Zentren beschränkt.

Er erklärt, es habe schon Jahre vor der Pariser Kommune ähnliche Bewegungen in der Provinz gegeben. Ein zweites wichtiges Merkmal sei, dass es sich um gesamtgesellschaftliche Bewegungen handele, die keineswegs nur den Sektor der Produktion umfassten. Und er hob die besondere Rolle der Frauen für das Gelingen dieser Modelle hervor: 

Wenn die Bewegung von Frauen getragen wird, dann läuft's.

Von großer Bedeutung ist auch, dass Rätebewegungen fast immer von gesellschaftlichen Krisensituationen ausgelöst wurden. Dies hatte zur Folge, dass sie sich nie autonom entwickeln konnten, sondern dass es immer Angriffe von außen gab – verbunden mit unfassbar brutaler Gewalt, um ein Exempel zu statuieren. Militärische Gewalt war dann auch der Hauptgrund für das Scheitern der Bewegungen. Es gibt aber auch das Phänomen der nachlassenden Energie oder (wie im Falle Russlands) die Vereinnahmung der Bewegung durch eine Partei.

Christopher Wimmer am 10. April 2026 im städtischen Kulturzentrum PFL, Oldenburg

Abschließend informierte der Referent über die aktuelle Situation in Rojava und betonte die Notwendigkeit, auch weiterhin Solidarität zu üben.

In der Diskussion wurden zunächst einzelne Elemente der Rätebewegungen diskutiert, wie zum Beispiel das imperative Mandat. Dann konzentrierte sich die Diskussion auf die Frage, was das alles für unser eigenes politisches Handeln heißt: Wie können wir neben der Solidarität mit entsprechenden Bewegungen weltweit auch bei uns Bewegungen unterstützen, die basisdemokratische Konzepte schon umsetzen, und wie können diese Bewegungen sich koordinieren? Denn auch hier gilt: 

Alles muss man selber machen. 


Lektüretipp: 

Christoph Wimmer: Alles muss man selber machen. Zur Geschichte der Rätebewegungen von der Pariser Kommune bis Rojava, 2025, Karl Dietz Verlag Berlin; ISBN: 978-3-320-02434-5 - Mehr zum Buch (Dietz Verlag)