Öffentlicher Raum, Wasser und Klima: Die soziale Kluft in der Stadt

Die öffentliche Debatte in Frankreich wird zwar weitgehend von Fragen zur Sicherheit und Kaufkraft beherrscht, aber auch die grundlegenden Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel stellen eine strukturelle Herausforderung für die künftigen Kommunalverwaltungen dar. Angesichts von Hitzewellen und Dürren sind die lokalen Mandatstragenden die Architektinnen und Architekten der städtischen Resilienz. Die Gestaltung des öffentlichen Raums und die Wasserwirtschaft sind in dieser Hinsicht entscheidende Faktoren eines ökologischen Wandels, der entweder solidarisch oder im Gegenteil ungerecht sein kann. Die Herausforderung ist klar: Wie können wir unsere Städte so umgestalten, dass sie für alle lebenswert bleiben? 

Die Versiegelung der Böden begrenzen und rückgängig machen

Die erste Herausforderung betrifft den Boden: Das nationale Ziel der „Netto-Null-Versiegelung“ bis 2050 erfordert von den Gemeinden einen radikalen Paradigmenwechsel. Es geht nicht mehr um Expansion, sondern um Wiederverwertung: Verdichtung, Wiederverwendung von Brachflächen und Umgestaltung bestehender Gebäude. 

Diese Auflage bezüglich der Flächen ist ein wichtiger ökologischer Hebel. Sie schützt die Biodiversität, bewahrt landwirtschaftliche Flächen und reduziert vor allem den Oberflächenabfluss. Die Notwendigkeit, die Netto-Null-Versiegelung einzuhalten, zwingt die Gemeinden dazu, ihre Stadtplanungsdokumente zu überarbeiten, strengere Entscheidungen über flächenintensive Projekte (Parkplätze, neue Gewerbegebiete) zu treffen und den öffentlichen Raum zu einem Ort der aktiven Entsiegelung zu machen. Die Verringerung der Bodenversiegelung führt auch zu weniger Druck auf Grundstücke, die für öffentliche Projekte (Schulen, Dienstleistungen) nicht mehr so leicht verfügbar sind. Das hat kreativere Standortentscheidungen auf bestehenden Brachflächen zur Folge. 

Städte an die Hitze anpassen: Von der mineralischen Straße zur „Schwammstadt“ Das Phänomen der urbanen Wärmeinseln – verstärkt durch Beton und Asphalt – macht den Kampf gegen die Hitze zu einer Priorität für die öffentliche Gesundheit. Die Städte reagieren darauf mit Baumbestandplänen und Projekten für urbane Wälder, um Schatten und Kühle zu schaffen. 

Entasphaltierung und „Schwammstadt“ 

Die Bodenentsiegelung ist die konkreteste Maßnahme. Einige Gemeinden übernehmen das Konzept der „Schwammstadt“ , das darauf abzielt, Regenwasser auf den Parzellen zu verwalten. Durch die Entfernung des Asphalts von Straßen, kleinen Plätzen oder Schulhöfen , die in „Oasen der Kühle“ umgewandelt werden, kann das Wasser direkt in den Boden versickern. Dieser technische Ansatz reduziert die in die Kanalisation geleitete Wassermenge (wodurch das Hochwasserrisiko sinkt), füllt das Grundwasser auf und kühlt die Luft durch Evapotranspiration. 

Die Herausforderungen der Raumplanung 

• Der Untergrund: Die ehrgeizigen Begrünungspläne stehen vor einem unsichtbaren Hindernis: dem Gewirr der unterirdischen Leitungsnetze (Wasser, Strom, Wärme). Diese lassen oft nur begrenzten Raum für die Wurzelentwicklung. Die Politiker*innen müssen eine verstärkte Koordination mit den Netzbetreibenden fordern und auf technische Innovationen (Wurzelkammern) zurückgreifen, um das Überleben der Bäume und die Koexistenz mit der lebenswichtigen Infrastruktur zu gewährleisten. 

• Widerstandsfähigkeit der Bepflanzung und Biodiversität: Über die Anzahl hinaus zählt die Auswahl. Es ist unerlässlich, einen strategischen Wandel herbeizuführen, indem man hitze- und trockenheitsresistentere Arten bevorzugt. Vor allem müssen die Gemeinden die funktionale Biodiversität durch die Diversifizierung der Arten stärken. Eine vielfältige und sorgfältig ausgewählte Vegetation gewährleistet den Fortbestand des Baumbestands und unterstützt das gesamte städtische Ökosystem im Kampf gegen Krankheiten.

Wasser: Zwischen Knappheit, Risiken und Solidaritätskrise 

Die Verknappung der Wasserressourcen ist die andere große Herausforderung für die lokalen Mandatstragenden. Sie hat weitreichende Auswirkungen in Bezug auf Investitionen und soziale Gerechtigkeit. 

Der politische Rahmen für Wasser

Das Handeln der Gemeindeverwaltung unterliegt einer institutionellen Komplexität, die den Wählenden oft nicht bewusst ist. In den Augen der Bürger*innen ist die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister die/der gewählte Verantwortliche für alles (die/der gewählte Vertreter*in vor Ort). Die strategische Wasserwirtschaft wurde jedoch auf den Gemeindeverband übertragen, aber diese Instanz unterliegt keiner direkten Demokratie. Ihre Strategie hängt von den komplexen politischen Koalitionen ab, die sich nach den Wahlen zwischen den Gemeinden bilden. Die Wahl einer Bürgermeisterin bzw. eines Bürgermeisters ist daher indirekt eine Wahl für eine Bewegung, die die Möglichkeit haben wird, Einfluss auf diese Entscheidungen zu nehmen. Die Vision der zukünftigen Bürgermeisterin bzw. des zukünftigen Bürgermeisters in Bezug auf Raumplanung und Klima muss sich daher in diesem Raum der institutionellen Verhandlungen bewegen, damit lokale Projekte (wie die Entsiegelung von Straßen) nicht durch Entscheidungen auf interkommunaler Ebene vereitelt werden. 

Spezifische Risiken, Nüchternheit und Fairness 

Eine Hitzewelle ist nicht nur eine Frage des Komforts, sondern ein Faktor, der zu erhöhter Krankheitshäufigkeit und mehr Todesfällen führt. Kühlere Temperaturen im städtischen Raum zu schaffen ist deshalb ein Faktor der öffentlichen Gesundheitspolitik. 

Um den Zugang zu Trinkwasser zu gewährleisten, müssen die Gemeindeverbände massiv in die Bekämpfung von Leckagen in veralteten Netzen investieren. Gleichzeitig suchen sie nach alternativen Lösungen wie der Wiederverwendung von aufbereitetem Abwasser für andere Zwecke als Trinkwasser. Die Gestaltung öffentlicher Räume (tiefliegende Mulden, versickerungsfähige Böden) wird ebenfalls zu einem Instrument des Wassermanagements auf Parzellenebene , um das Grundwasser aufzufüllen. 

• Die Küste und ihre Risiken: An der französischen Küste zwingen Erosion und steigende Wasserstände die Gemeinden dazu, ihre Stadtplanung zu überdenken und zwischen aufwendigen Schutzmaßnahmen und der Verlegung von bebauten Gebieten zu entscheiden. • Die Preisgestaltung als Instrument der Gerechtigkeit: Um die Ressource gerechter zu verwalten, haben einige Gemeinden eine progressive Wasserpreisgestaltung eingeführt. Dieser Ansatz garantiert eine Grundmenge an Wasser zu einem Sozialtarif (für lebenswichtige Zwecke) und erhebt einen Aufpreis für höhere Mengen (die mit Komfortzwecken verbunden sind, wie große Gärten oder private Schwimmbäder), wodurch Anreize zum sparsamen Umgang mit Wasser und soziale Gerechtigkeit miteinander verbunden werden. 

Übergreifende Herausforderungen: Wasser, Abkühlung, Sicherheit 

Der Zugang zu Wasser, Abkühlung und Baden ist eine Frage der Gerechtigkeit und Sicherheit, die eine tiefe Ungleichheit offenbart. 

• Der Boom privater Swimmingpools als Ursache für Ungleichheit: Frankreich zählt heute mehr als 3 Millionen private Swimmingpools (das entspricht einem Pool pro 27 Einwohner) und ist damit europäischer Spitzenreiter und weltweit das zweitgrößte Land hinter den Vereinigten Staaten. Diese Verbreitung übt einen erheblichen Druck auf die lokalen Wasserressourcen aus, der in Tourismusgebieten und Gebieten mit Zweitwohnungen noch verstärkt wird. Der übermäßige Wasserverbrauch im Sommer fällt dort mit der Verknappung der Ressource zusammen.

• Der öffentliche Dienst in Gefahr: Angesichts dieses privaten Luxus hat der öffentliche Dienst Mühe, Schritt zu halten. Der Zugang zum Schwimmsport ist ungleich verteilt, da nur 2 860 von etwa 36 550 Gemeinden im Jahr 2013 über ein Schwimmbad verfügten. Öffentliche Schwimmbäder sind ein strukturell defizitäres Dienstleistungsangebot, und mehr als die Hälfte der Anlagen stammt aus der Zeit vor 1984 und weist eine sehr schlechte Energieeffizienz auf. Infolge der Energiekrise haben bis zu 10 % der kommunalen Schwimmbäder Schließungen in Betracht gezogen, was die Ungleichheit noch verschärft. Die Knappheit der Anlagen gefährdet auch das Erlernen des Schwimmens, obwohl Schwimmkenntnisse eine Frage der Sicherheit sind, insbesondere angesichts der steigenden Zahl von Ertrinkungsfällen im Sommer. 

Der Zugang zur Kühle sollte ein Recht und kein Luxus sein. Die Politiker*innen können sich nicht mehr damit begnügen, den Mangel und den Niedergang des öffentlichen Dienstes zu verwalten. Hitze ist ein Indikator für Ungleichheit: Angesichts der zunehmenden Zahl von Hitzetagen ist es politisch unhaltbar, dass der Zugang zu Kühle zu einem Luxus wird, der nur Haushalten mit einem Haus mit Garten und den Mitteln zur Installation eines privaten Swimmingpools vorbehalten ist. 

Die Bürgermeister*innen stehen somit vor zwei Herausforderungen: die Krise kurzfristig zu bewältigen, indem sie die Einhaltung der Wassersparverordnungen der Präfektur durchsetzen, und eine grundlegende Strategie zu verfolgen, indem sie die Planung des öffentlichen Raums überdenken. 

Ihre Aufgabe besteht darin, Klimagerechtigkeit durchzusetzen, indem sie allen Zugang zu Kühle garantieren und so die einst kochend heiße Stadt in einen Zufluchtsort verwandeln, insbesondere für gefährdete Bevölkerungsgruppen. 

Der öffentliche Raum als Ansatzpunkt für soziale Gerechtigkeit 

Die Anpassung an den Klimawandel ist im Grunde eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Sie darf niemanden zurücklassen, insbesondere nicht die Bewohnenden von überhitzten Wohnungen und die Menschen in Stadtvierteln mit wenig Grünflächen oder kühlen Orten. 

Angesichts der institutionellen Komplexität und der Kosten der Umgestaltungen stellt die partizipative Demokratie einen wesentlichen Faktor für Legitimität dar. Die direkte Einbindung der Einwohnenden (über Bürger*innenhaushalte, Stadtteilräte und Planungsworkshops) in die Umgestaltung des öffentlichen Raums (Auswahl der Baumarten, Gestaltung der Plätze usw.) gewährleistet die soziale Akzeptanz der Veränderungen. Vor allem stellt sie sicher, dass die kühlen Orte und neuen Einrichtungen den tatsächlichen Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechen. So werden die Anpassungsmaßnahmen in einem Ansatz der lokalen Gerechtigkeit verankert. 

Die Umwandlung von „Schulhöfen in Oasen“, die Entsiegelung von Gassen oder Plätzen, die Begrünung öffentlicher Räume, die Installation von Sprühnebelanlagen oder Wasserspielen ... weisen den Weg: den eines lokalen, partizipativen Ansatzes, der Renaturierung, Sanierung und Komfort für die weniger Begünstigten in den Vordergrund stellt. Diese Projekte zielen darauf ab, den Bedürfnissen der Schwächsten gerecht zu werden: Kindern, älteren Menschen und Bewohnenden schlecht isolierter Wohnungen. 

Die Entscheidungen, die bei den Kommunalwahlen getroffen werden, wirken sich nicht nur auf die Stadtästhetik aus. Sie bestimmen, ob die französischen Städte einen ökologischen Wandel vollziehen werden, der die weniger Wohlhabenden nicht außen vor lässt, und ob sie sich dafür entscheiden, die Gestaltung des öffentlichen Raums zu einem wirkungsvollen Instrument für Resilienz, öffentliche Gesundheit und sozialen Zusammenhalt angesichts des Klimachaos zu machen.

Übersetzung: Angela Eumann, Bearbeitung: Katja Petrovic | Voxeurop


Dieser Artikel erschien zuerst hier: fr.boell.org