Wie Hongkonger Covid-19 bekämpfen: "Nehmen wir die Dinge in unsere eigenen Hände"

Kommentar

Ruhige Straßen und leere Einkaufszentren am Freitagabend. Für Besucher aus Übersee mag die Stadt noch lebhaft erscheinen, aber für Hongkonger wie mich wurde die Geschäftigkeit und Hektik der Stadt durch Angst, persönliche Isolation und den Geruch ranziger chirurgischer Masken ersetzt. Dank der SARS-Erfahrung vor 17 Jahren haben wir fast intuitiv aus unserem kollektiven Gedächtnis auf die SARS-CoV-2-Krise reagiert.

Seit am 23. Januar der erste lokale Fall bekannt wurde, haben wir Bürgerinnen und Bürger spontan Masken aus unseren Hausapotheken genommen und begonnen, sie nun bei jedem Gang nach draußen, im Büro, und im Nahverkehr zu tragen. Ohne dass uns das nahegelegt wurde, haben wir damit angefangen, uns ständig die Hände zu waschen, und alle Familienbesuche die traditionell zum chinesischen Neujahrsfest anstehen abgesagt.

Kollektives Gedächtnis

In vielen Ländern hat es lange gedauert, den Begriff "social distancing" zu formulieren oder über die Wirksamkeit von Masken zu debattieren. Doch für die meisten Hongkonger, die die SARS-Pandemie im Jahr 2003 miterlebt haben, hat sich damals eine schmerzhafte Lernkurve aus erschreckenden täglichen Nachrichten über die Ausbreitung von Viren in Flugverkehr, Hotellifts und -lobbys und Hochhauskanalisationen tief in unser kollektives Gedächtnis eingegraben.

Das hat weitgehend geprägt, wie die Menschen vor Ort auf die aktuelle Krise reagieren. Genauso wie es vernünftig ist, einen Regenschirm mitzunehmen, wenn es regnet, tragen wir Masken und gehen voreinander auf Abstand, wenn eine gefährliche Atemwegserkrankung auftritt.

Trotz ‚maskierter‘ Gelassenheit nach außen wuchs unter vielen Hongkongern in den ersten Wochen der SARS-CoV-2-Welle die innere Angst vor unsichtbaren Gefahren. Anfang Februar gab es einen Run auf Online-Shops, Zehntausende standen über Nacht auf den Straßen Schlange, um Schutzmasken zu kaufen.

Binnen kürzester Zeit explodierten die Preise von 30 auf 500 HK pro Packung (ca. EUR 3,50 auf EUR 60,00). Besorgte Käufer strömten in die Supermärkte und fegten die Regale für Toilettenpapier, Grundnahrungsmittel und Reinigungsmittel leer. Für einige von uns bietet das Horten von 400 Toilettenpapierrollen im Schlafzimmer möglicherweise ein trügerisches Gefühl der Sicherheit.

Infektion in Wellen

Im Januar und Februar mussten wir erleben, wie die erste Welle lokaler Infektionen in unserer Stadt auftrat. Meistens übertrug sich das Virus dabei über Reisende, die mit Direktzügen und Flügen aus Wuhan oder anderen Teilen Südchinas nach Hongkong kamen. Obwohl die Hongkonger Regierung einer Forderung nach vollständiger Grenzschließung nicht nachgekommen ist, hat sie nach und nach Grenzkontrollen und Quarantänemaßnahmen eingeführt und Home-Office-Regelungen angeordnet.

Alle Schulen, Kindergärten und Universitäten schlossen und stellten seit dem 26. Januar auf Online-Unterricht um. Parks, Sporteinrichtungen, Bibliotheken und Museen schlossen drei Tage später ihre Türen. Schnelltests und kostenlose Behandlungen wurden im öffentlichen Gesundheitssystem für Menschen mit Symptomen schnell zur Verfügung gestellt, und neue Infektionsfälle wurden zügig und umfassend aufgespürt.

In den ersten Tagen, als das Virus begann sich über die Grenzen des chinesischen Festlandes auszubreiten, stand Hongkong international schnell an zweiter Stelle bei der Zahl der Infektionsfälle (8 Fälle am 27. Januar).

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Aber die Maßnahmen der Regierung und vereinten Anstrengungen aller Hongkonger haben die weitere Ausbreitung sieben Wochen lang praktisch in Schach gehalten. Während die Zahl der Fälle in Südkorea, Iran, Italien, Spanien und den Vereinigten Staaten in die Höhe schnellte, stieg Hongkong im weltweiten Ranking der am stärksten betroffenen Gebiete schnell ab. Am 15. März hatte die Stadt nur 149 Fälle.

Die Hoffnung, bald wieder zur Normalität zurückzukehren wurde jedoch Mitte März jäh zerschlagen. Große Teile derer, die anfangs vor dem Virus geflohen waren, kehrten zusammen mit 40.000 Hongkonger Studenten, die in Europa und den Vereinigten Staaten studierten, nach Hongkong zurück. Rückkehrer aus diesen neuen SARS-CoV-2-Epizentren haben zu einer zweiten Welle lokaler Infektionsfälle geführt.

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Während lokale Social-Media-Nachrichten weiterhin die Schuld an der Krise Festlandchina geben, wo Wildtiere konsumiert würden und auch nach erstem Auftreten des Virus noch ausgiebig gereist wurde, lässt sich nicht leugnen, dass einige Rückkehrer aus ihr Selbstquarantäne für Restaurant- und Barbesuche, Karaoke-Kneipen und Schönheitssalons ausbrachen und so das Virus weiterverbreiteten.

Anders als bei älteren Generationen, in denen die traumatischen SARS-Erinnerungen tief im Gedächtnis eingebrannt sind, sind die meisten der Zurückgekehrten unter 23 Jahre alt und somit zu jung, um instinktiv zu wissen, wie man auf solch eine Krise reagiert. Bis zum 5. April war die Gesamtzahl der Fälle dadurch auf 891 gestiegen.

Die Stadt hat mit einem Arsenal von Maßnahmen reagiert. Öffentliche Ansammlungen von mehr als vier Personen sind nun verboten, Unterhaltungseinrichtungen wurden geschlossen, und Restaurants müssen einen Abstand von 1,5 Metern zwischen den Tischen einhalten.

Ohne eine drastische Ausgangssperre wie in vielen anderen Ländern zu verhängen, hat sich die Ansteckungskurve aber trotzdem wieder deutlich abgeschwächt. Derzeit (Stand: 27. April) liegt Hongkong bei 1.038 Gesamtfällen und null Neuinfektionen.

Von Angst zu Resilienz

Ende Februar, als sich die Versorgungslage in Hongkong stabilisiert hatte, haben auch das „Hamstern“ und die Panikkäufe nachgelassen. Die Menschen fingen an, ihre Aufmerksamkeit auf die neue tägliche Routine zu richten. Wie Büroangestellte in anderen Teilen der Welt, aber bereits Wochen zuvor, sind Hongkonger in ein gigantisches soziales Experiment eingestiegen und arbeiten nun seit Monaten im Home-Office.

Mit einer durchschnittlichen Wohnfläche pro Person von 15 Quadratmetern und über 200.000 Wohnungen, in denen sich mehrere Parteien die Fläche teilen müssen und eine Person über nur 5,3 Quadratmetern im Schnitt verfügt, sind unsere Herausforderungen allerdings oftmals noch gravierender als anderswo.

Wenn sich Kollegen auf Zoom "Hörst du mich?" zuschreien, ist es für viele schlichtweg unmöglich, Ehepartner, Eltern, Kinder, Geschwister, Haustiere, Geschirr und Wäsche aus den Bildschirmen rauszuhalten. Eine neue ‚Netiquette‘ hat sich entwickelt, und die Grenze zwischen Arbeit und Zuhause muss gerade neu verhandelt werden.

Während viele Menschen zu Hause sind, haben Netizens etwas Ablenkung in neuen Lieblings-Playlists auf Netflix, Spotify und Amazon gefunden. Die Straßen sind leer, während die Golden-Shopping-Arcade, so etwas wie die IT-Versorgungszentrale der Stadt, mit jungen Kunden bevölkert ist, die Online-Spiele und Webcams kaufen.

Wischmops, Waschmittel, Mehl und Kuchen-Mix verkaufen sich momentan deutlich besser als teurer Schmuck und Designer-Markenkleidung. Zumindest einige Hongkonger haben durch den erzwungenen Rückzug aus der geschäftigen Alltagsroutine tatsächlich Zeit gefunden, um ganz neu über Gesundheit, familiäre Beziehungen oder inneren Frieden nachzudenken.

Innerer Frieden ist jedoch für viele ein unerreichbarer Traum. Trotz improvisierter Turnaround-Maßnahmen befindet sich die Stadt in einer Phase wirtschaftlichen Abschwungs. Die Arbeitslosenquote ist von 3,3 % im Dezember 2019 auf 4,2 % im März 2020 gestiegen, der höchste Wert seit Oktober 2010. Flugzeuge, Reise- und Schulbusse stehen seit Monaten auf Parkplätzen.

Diejenigen, die im Tourismus, Einzelhandel und Catering arbeiten, sind am stärksten betroffen, da deren Geschäfte bereits seit Beginn der sozialen Proteste im Juni 2019 stark zurückgegangen sind. Einige unterbeschäftigte Arbeitnehmer haben neue Teilzeitarbeitsplätze in der Lebensmittelzustellung gefunden.

Aber viele Angestellte müssen auch einfach unbezahlten Urlaub nehmen, während andere mit einem Bruchteil ihres ursprünglichen Gehalts zurecht kommen müssen. Freiberufler müssen sich steigenden Lebensmittelpreisen mit null Einkommen stellen, und Eltern verzweifeln an der Bezahlung der horrenden Schulgebühren für ihre Kinder. Die Aussichten für die einfachen Leute in Hongkong sind düster.

Die Regierung hat dagegen 290 Milliarden HK (ca. EUR 35 Milliarden) an wirtschaftlichen Hilfspaketen angekündigt, was 9,5 % des BIP der Stadt entspricht. Das konnte jedoch nicht das Schicksal einer traditionellen Kaffeerösterei auf der gleichen Etage mit unserem Büro retten. Dort sind die Türen erstmal auf unbestimmte Zeit geschlossen.

Wie viele kleine und mittlere Unternehmen musste auch das 1929 gegründete Unternehmen, alle Mitarbeiter, vor allem ältere Männer, entlassen. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird die Stadt viele wichtige Teile ihres sozialen Gefüges verloren haben, wenn sie nach der Epidemie wiedererwacht.

"Nehmen wir die Dinge in unsere eigenen Hände"

Obwohl Hongkong zusammen mit Macau und Taiwan von der internationalen Presse oft als erfolgreiches Modell im Kampf gegen Covid-19 genannt wurde, haben die meisten Hongkonger eine andere Meinung dazu. Die SARS-CoV-2-Krise hat die Stadt in einem besonders verwundbaren Moment getroffen. Während der mehr als siebenmonatigen Proteste hat das schwierige Experiment "Ein Land, zwei Systeme" eine komplizierte Prüfung erfahren.

Die Edelman-Barometer-Umfrage ergab, dass derzeit 60 % der Bürger der Stadtregierung misstrauen. Eine Umfrage der South China Morning Post und der Chinese University of Hong Kong zeigt, dass 72% der Einwohner Hongkongs die Erfolge bei der Bekämpfung des Virus eher dem Verhalten der Hongkonger als den Regierungsmaßnahmen zuschreiben, während 56% nicht der Meinung sind, dass die lokale Administration dafür gelobt werden sollte.

Das erklärt, warum in Macao, ebenfalls SARS-Veteran, Quarantänemaßnahmen reibungslos umgesetzt wurden, während es in Hongkong anfänglich 7.000 streikende Mitarbeiter im Gesundheitswesen und Gewalt gegen Quarantäneeinrichtungen gab. Streikende Gewerkschaftsführer haben die lokalen Grenzkontrollmaßnahmen im Vergleich zu Macau und Taiwan als spät und unentschlossen kritisiert, weil dadurch die Sicherheit der Beschäftigten im Gesundheitswesen an der ‚Front‘ gefährdet würde.

In Social-Media-Chat-Gruppen sahen typische Kommentare in den letzten Monaten so aus: "Wir müssen die Dinge selbst in die Hand nehmen", "wir machen es wieder wie zu Zeiten von SARS" oder "vergesst die Regierung, wir vertrauen lieber unseren medizinischen Experten". Mit ähnlichen Formulierungen wurde mobilisiert, um das Horten von Toilettenpapier und Gesichtsmasken zu stoppen, Wohnungen und Häuser von Grund auf zu reinigen, und um sich von sozialen Kontakten fernzuhalten. Interessanterweise werden dieses Verhalten und diese Rhetorik über alle verschiedenen politische Spektrums hinweg geteilt.

Die sich ausweitende SARS-CoV-2-Krise hat weltweit Menschenleben, Volkswirtschaften und politische Dynamiken in große Unsicherheiten geraten lassen. Das Virus hat die Proteste in Hongkong 2019 dramatisch verlangsamt, aber das gegenseitige Vertrauen bleibt eine kontinuierliche Herausforderung für die Gesellschaft Hongkongs, und die Risse, die im letzten Jahr erneut mit Wucht zum Vorschein kamen, bestehen weiterhin.